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Zuletzt aktualisiert: 04.11.2011 um 16:34 UhrKommentare

"Zweifel kamen angesichts Tito-Personenkults"

2011 jährt sich der Zerfall Jugoslawiens zum 20. Mal: Das Kompetenzzentrum Südosteuropa der Uni Graz hatte am Freitag bei der internationalen Konferenz "Debating the End of Yugoslavia" u.a. den früheren Chef der slowenischen Partei der Erneuerung (SDP), Ciril Ribicic, zu Gast.

Entlang der suedsteirischen Staatsgrenze verlaeuft die Grenze zwischen Oesterreich und Slowenien

Foto © APA I LeodolterEntlang der suedsteirischen Staatsgrenze verlaeuft die Grenze zwischen Oesterreich und Slowenien

Ciril Ribicic skizzierte die Marksteine des Auseinanderdriftens der jugoslawischen Republiken aus slowenischer Sicht und bezog sich auch auf "dunkle Kapitel" der jüngsten slowenischen Geschichte, wie die Frage der "Ausgelöschten".

Der frühere Chef der slowenischen SDP und Präsident des slowenischen Verfassungsgerichtshofes gestand ein, dass er als junger Student "verliebt in das politische System Jugoslawiens" gewesen sei. Zweifel seien ihm erst später gekommen. So habe ihm sein Vater, Mitja Ribicic (u.a. Chef des Geheimdienstes, Anm.), anvertraut, dass man nach einer Abstimmung Papiere auf Fingerabdrücke untersucht habe, um den Urhebern der Gegenstimmen auf die Spur zu kommen. Zu denken habe ihm auch gegeben, der am sowjetischen Machthaber Josef Stalin kritisierte Personenkult ja auch auf den jugoslawischen Präsidenten Josip Broz Tito zugetroffen habe: "Bei einer Konferenz in Sarajevo ist Tito hereingekommen und nach fünf Minuten Applaus dachte ich, gut, das genügt jetzt. Aber es ist noch zehn bis 20 Minuten weitergegangen."

Schüsselereignisse in der Krise

Ribicic sprach von einigen Schüsselereignissen in der Krise des jugoslawischen Föderalismus und dem immer deutlicher sich manifestierenden Streben der Slowenen nach Unabhängigkeit: "Das war u.a. der von Slobodan Milosevic gebilligte Boykottaufruf hinsichtlich slowenischer Waren in Serbien. Da dachten sich viele: Wenn man die wirtschaftlichen Vorteile des gemeinsamen Staates verliert, warum soll Slowenien dann weiter in die Bundeskassen und für wirtschaftlich schlechter gestellte Republiken zahlen?" Damals habe es auch Versuche gegeben, "mehr Europa" in die jugoslawische Politik zu bringen und den Staat an die EG anzunähern, unter anderem am 14. (und letzten) Kongress des Bundes der Kommunisten in Belgrad im Jänner 1990. Ribicic war Chef der Delegation aus Ljubljana (Laibach): "Das war sehr naiv. Heute ist das klar, damals dachten wir, Wandel sei möglich." Der Verfassungsrichter gab auch eine Anekdote zu den Sezessionsbestrebungen der Republiken zum Besten. "In einer TV-Sendung sagte ein serbischer Professor, man könne niemanden, der ein Ticket für einen Bus bezahlt habe und eingestiegen sei, das Aussteigen an einer gewissen Station verbieten."

Ribicic sprach auch von einem Konzept über verschiedenen Formen des möglichen Zusammenbleibens der Republiken Jugoslawiens. "Das Konzept war eine starke Föderation zwischen den Republiken Serbien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina und eine eher lose Konföderation zwischen Slowenien, Mazedonien und Montenegro." Die ungewöhnliche Konstellation erregte Neugierde im Publikum, speziell in Bezug auf Kroatien. Diese Konstellation sei wegen Bosnien angedacht worden, antwortete Ribicic, aber dies alles sei kein offizielles Dokument gewesen. Ribicic räumte auf eine Frage aus dem Publikum auch ein, dass Slowenien womöglich nicht genug getan habe, als der autonomen Republik Kosovo 1989 die 1974 zugestandenen Rechte genommen und der Ausnahmezustand ausgerufen wurde.

"Dunkles Kapitel in unserer Geschichte"

Der slowenischen Autor, Politiker und Jurist bezog sich auch auf zwei Kapitel, die Gegenstand heftiger Debatten sind und waren, aber noch nicht ausreichend erforscht: "Die Frage der sogenannten "'Ausgelöschten' ist ein dunkles Kapitel in unserer Geschichte. Alle (rund 200.000, Anm.) zum Zeitpunkt des Unabhängigkeitsreferendums 1990 (88 Prozent votierten dafür, Anm.) in Slowenien befindlichen Bürger Jugoslawiens hatten damals sechs Monate Zeit, für die slowenische Staatsbürgerschaft zu optieren. Die große Mehrheit machte von dieser Möglichkeit Gebrauch, rund 26.000 versäumten die Frist. Ihre Namen wurden im Februar 1992 ohne Vorwarnung aus dem slowenischen Bevölkerungsregister gelöscht, die Betroffenen waren plötzlich illegale Ausländer. Erst im März 2010 wurde die Frage gelöst. Das zweite Kapitel beziehe sich auf die Frage des Waffenschmuggels über Slowenien nach Kroatien und Bosnien und auf die Frage, ob der Abzug der jugoslawischen Bundesarmee (JNA) im Sommer 1991 aus Slowenien nicht die Eskalation in Kroatien und Bosnien mit ermöglicht habe. Speziell im Bereich der Waffentransfers sei das noch nicht genügend erforscht, so Ribicic. "Es war uns nicht gleichgültig, was in Kroatien und Bosnien passierte", so Ribicic. Man wollte ja auch nicht ein "Serboslawien" als Nachbarn, sondern ein freies Kroatien.


Fakten

Konferenz: "Debating the End of Yugoslavia", bis Sonntag, 6. November. Uni-Aula, Universitätsplatz 3, 8010 Graz.

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