"Fußball ist wie ein ritueller Kampf"
Hysterie ist ansteckend wie ein Virus: Der Wiener Psychoanalytiker Felix de Mendelssohn über den Menschen in der Masse.

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A us der Sicht des Psychoanalytikers: Was ist in diesem Stadion in Port Said passiert? FELIX DE MENDELSSOHN: Es sieht ja nach politischen Hintergründen aus - aber aus psychoanalytischer Sicht kann ich sagen, dass es in der Masse immer leicht zu Krawallen kommt, weil der Mensch in der Menge zu Hysterie neigt. Und die ist ansteckend wie ein Virus. Eine große Menschenansammlung ist wie ein Flaschenhals: Von hinten rücken Menschen nach, es wird eng, man will flüchten, wird hysterisch. Es ist aber nicht so, dass der Einzelne in Paniksituationen zum Egoisten wird. Im Gegenteil: Er greift nach der Hand seines Freundes, sucht beim Nächsten Unterstützung, hält aber gerade dadurch die anderen auf, es staut sich, bis dann die Menschen niedergetrampelt werden.
Verliert der Einzelne im Strom der Menge die Kontrolle über sich? MENDELSSOHN. Der Wunsch jedes Menschen ist es, sich bei jemandem anzuhängen. Klappt das nicht, lässt man sich von der Masse mitreißen. Natürlich ist das ein Kontrollverlust über sich selbst.
Ist bei einem Fußballspiel das Gewaltpotenzial a priori hoch?
MENDELSSOHN: Fußball ist wie ein ritueller Kampf, wie ein Schachspiel auch, bei dem man den Gegner totschlägt - aber eben nur symbolisch. Natürlich ist mehr Potenzial für Spaltung und Kampf da, wenn es um zwei gegnerische Mannschaften geht. Da kann jeder mehr in die Gegenseite hineinfantasieren und hineinprojizieren und seinem Zorn auf die anderen, auf die Welt, freien Lauf lassen. Das hat Elias Canetti in seinem Buch "Masse und Macht" ja bestens beschrieben.
Ist das wie eine Triebabfuhr? MENDELSSOHN: Ja, auch. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz war der Meinung, dass Fußballspiele sogar notwendig sind für ein friedliches Miteinander, weil die Menschen mit ihrer angeborenen Aggressivität dadurch ein Ventil haben. Das Problem ist nur: Wo sind die Grenzen? In jeder Gesellschaft gibt es Menschen, die über Grenzen gehen.
Hat sich die positive Stimmung, die es vor einem Jahr auf dem Tahrir-Platz gab, in etwas Negatives gewandelt? MENDELSSOHN: Das kann natürlich sein, aber ich glaube, es wäre ein Fehler, das an diesem Ereignis aufzuhängen. In Ägypten herrscht eine verworrene politische Situation. Niemand weiß, welche Spiele die alten Mubarak-Anhänger im Militär treiben.
Wie geht es Ihnen in der Masse?
MENDELSSOHN: Da bin ich immer unruhig. Ich würde mir manchmal gern ein Fußballspiel ansehen, aber ich scheue wegen der vielen Menschen davor zurück. Ich würde mich aber nie in die Mitte setzen, sondern immer an den Rand. Ich war bei der Angelobung von Barack Obama in Washington, unter Millionen Menschen - es war völlig friedlich. Eine charismatische Person gruppiert die Masse und verbindet. Das geht aber auch nicht immer gut, wie wir wissen. INTERVIEW: MANUELA SWOBODA















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