Iran will EU aufs Trockene setzen
Per 1. Juli 2012 wollte die EU kein Erdöl mehr aus dem Iran importieren - doch Teheran will Europa schon jetzt den Hahn zudrehen und in Nöte bringen, Spritpreise könnten explodieren: Embargo noch vor dem Embargo, Sanktionen mit einem Bumerang-Effekt? Von Thomas Golser.

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"Noch nie dagewesene Sanktionen" sollten es werden, war sich der britische Außenminister William Hague sicher. Im Disput über das Atomprogramm des Iran wollte/will die EU Härte demonstrieren und ein umfassendes Ölembargo durchbringen, das sich neben Import-Stopp auch auf Exportgarantien, Joint-Ventures und Kreditvergaben erstreckt: Wer sich in atomaren Agenden gegen den Westen stellt und nicht verhandlungsbereit zeigt, soll dafür bezahlen.
"Keine Option vom Tisch"
US-Präsident Barack Obama stellte sich - angesichts dieses amerikanischen Intimfeinds wenig verwunderlich - in eine Reihe mit der EU und verspürte "Einheit der Weltgemeinschaft". "Amerika ist fest entschlossen, den Iran am Erlangen von Atomwaffen zu hindern, und ich werde keine Option vom Tisch nehmen um dieses Ziel zu erreichen". Die Hebel, die von beiden Seiten bedient werden, sind dabei immer die gleichen: Der Iran unter seinem Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad sitzt auf einem der weltgrößten Öl- und Gas-Reservoirs und hat den Schatten einer atomaren Bedrohung als Geleitschutz, auch wenn dies beharrlich bestritten wird: Energieerzeugung, nicht Atomwaffen. Der Westen setzt auf Embargos - die USA, denen der Ruf des Weltpolizisten beharrlich anhaftet, üben sich in Kriegsgeklirre.
Klar wurde mittlerweile: Der Iran verspürt die ersten Effekte des am Dienstag in Kraft getretenen Embargos bereits deutlich. Am Mittwoch musste Ahmadinejad Medienberichten zufolge die Zinssätze erhöhen, um die sanktionsbedingte Wirtschaftskrise im Land einzudämmen. Die Konten der iranischen Zentralbank wurden vom Westen eingefroren, die Währung Rial verlor seit Jahresbeginn die Hälfte ihres Wertes. Trotzdem könnte der Iran zumindest kurzfristig seine Trumpfkarte ausspielen. Die Rechnung, die von der westlichen Welt ausgestellt wurde, könnte ohne den bärtigen Wirt gemacht worden sein.
Dass Europa es sich so schmerzfrei wie erhofft leisten kann, auf alle Öllieferungen aus dem Iran zu verzichten, bleibt fraglich: Vor allem wirtschaftliche schwache Länder im Süden (wie Italien, Spanien oder das ohnehin dauertaumelnde Griechenland) könnte es vor massive Probleme stellen, sich bis Juli alternative Lieferanten abseits des Iran zu suchen. "Wir glauben, dass dieser Schritt schwerwiegende Konsequenzen für die Europäer haben wird", warnte das iranische Außenministerium. Bereits 2008 hieß es: "Wir haben Gas- und Ölressourcen, die jeder kaufen will. Früher waren unsere Hauptpartner Europäer - Deutsche, Italiener, Franzosen, auch Österreicher. Jetzt haben wir andere Partner". Europa mag bald kein Benzin mehr aus iranischem Rohöl tanken, der Iran hat dafür Selbstbewusstsein getankt.
Sofortiger Stopp geplant
Bereits an diesem Wochenende will Irans Führung dem Parlament einen Gesetzentwurf vorlegen, der einen sofortigen Stopp aller Öllieferungen nach Europa vorsieht. Um bis zu 20 bis 30 Prozent höhere Preise für Rohöl hält der Internationale Währungsfonds IWF in weiterer Folge für möglich. Aus der Branche vernimmt man optimistischere Einschätzungen, der Importstopp in Etappen und über mehrere Monate hinweg könnte nach Analysten-Meinung einen preistreibenden Effekt auf die Öl-Notierungen an den Börsen eindämmen.
Eine ölfreie Zukunft ist nach wie vor unvorstellbar - die Menschheit setzt auf nicht erneuerbare Antriebsenergie als gäbe es kein Morgen: Vier Millionen konventionelle PKW sind z.B. in Österreich unterwegs, per Jahresende 2011 waren es nicht einmal 1.000 Autos mit Batteriebetrieb. Ganz zu schweigen von der Bedeutung als Rohstoff für die chemische Industrie. Dass alternative Technologien noch immer in ihren Kinderschuhen stecken, was Breitentauglichkeit und Kosten anbelangt, mag lange Zeit im Interesse in der Erdöl- und Fahrzeugindustrie gewesen sein. Nun bringt es den Iran in eine umso bessere Position.
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Erdölproduzent
Der Iran stand 2010 mit rund 203,2 Millionen Tonnen gefördertem Erdöl an der vierten Stelle der ölfördernden Staaten. Der Iran stand 2010 mit rund 203,2 Millionen Tonnen gefördertem Erdöl an vierter Stelle der ölfördernden Länder (Quelle: Wikipedia).














