Im Dickicht der Demütigung
Erniedrigung ist das Lust-Thema der meisten Casting- und Realityformate. Sich selbst aber schützen die Sender mit ausgeklügelten Verträgen.

Foto © RTL"Prüfung" im Dschungelcamp
Zuletzt hagelte es Proteste im Onlineforum von RTL. Der Grund: Aufgrund des heftigen Regens in Australien konnte die Dschungelprüfung, täglicher Höhepunkt der Reality-Show "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!", am Mittwoch nur behelfsmäßig durchgeführt werden. Niemand wurde mit Kakerlaken und Würmern überschüttet, niemand musste Buschschwein-Sperma, Mäuseschwänze, lebende Maden hinunterwürgen. Enttäuschend für die Anhänger der Quäl- und Demütigungsrituale, denen die Show ihren Erfolg verdankt: Rund sieben Millionen Zuschauer verzeichnet RTL im Schnitt per Abend. In Österreich sind annähernd 250.000 dabei, wenn die Insassen des Camps einander wechselweise angiften oder das Herz ausschütten, zur Dschungelprüfung antreten müssen oder als minderpopuläre Loser vom TV-Publikum aus dem Camp gewählt werden.
Kleine Kränkungen
Die Mediengesellschaft, heißt es, hat in den halbwegs Prominenten, die da für kolportierte Gagen zwischen 30.000 und 150.000 Euro ihre Privat- und Intimsphäre zu Markte tragen, ein perfektes Ventil der emotionalen Entlastung gefunden. Der beleidigte Mensch, dem die vielen kleinen Kränkungen des Alltags zu schaffen machen - vom Chef heruntergeputzt, vom Partner vernachlässigt - hier sieht er angebliche Angehörige der Glamour-Gesellschaft, denen es plötzlich weitaus schlechter geht als ihm, die erniedrigt werden, sich ekeln, Angst haben, versagen, deren Selbstdemontage keiner bremst. Im Gegenteil: Dass RTL die Schwächen der Kandidaten in der Inszenierung erst richtig herausarbeitet, ist einen Tag vor dem Finale der sechsten Staffel kein Geheimnis mehr: Da wird ein leicht trampeliges Möchtegern-Model wie Sarah Knappik zur verschlagenen "Dschungel-Natter" modelliert (2011), zwei Jahre davor musste TV-Moderatorin Giulia Siegel die "Dschungel-Zicke" geben, während man der transsexuellen Sängerin Lorielle London die in jeder Staffel fix besetzte Rolle des pikanten Fleischlaibchens übertrug.
Grantler und Dauerfurzer
Die hat in der aktuellen Staffel das Erotikmodel Micaela Schäfer inne. Die 28-Jährige legt dabei höchstes Arbeitsethos an den Tag und hüpft auch bei strömendem Regen kaum bekleidet durch das Camp - und zieht so ständig hämische Kommentare des Moderatorenduos Dirk Bach und Sonja Zietlow auf sich: "Micaela reicht sich selbst im Camp herum wie eine alte Wasserpfeife" heißt es da etwa, oder in Anspielung auf die zur Inszenierung gehörende schlechte Versorgungslage der Camp-Bewohner: "Micaela nimmt täglich weiter ab, man kann schon die Seriennummern ihrer Implantate lesen."
Wie sie dem TV-Publikum vorgeführt werden, erfahren die Kandidaten übrigens erst nach ihrer Abwahl. Ob sich Rockmusiker Martin Kesici in der Rolle als dauerfurzendes "Vierfinger-Faultier" wieder erkannt hat, ob TV-Moderatorin Ramona Leiß mit ihrer Stilisierung zur wehleidigen Domina einverstanden ist, zählt nicht. Wer das Camp bzw. seine Folgeerscheinungen nicht verkraftet, wird psychologisch versorgt. Mit den mitunter sadistischen Imagekorrekturmaßnahmen des Senders aber müssen die Kandidaten leben. Ähnliches gilt für die meisten Casting- und Realityformate von "DSDS" und "Der Bachelor" bis "Bauer sucht Frau" oder "Next Topmodel".
Absolutes Stillschweigen
Ausnahmen gibt es: Menschen, die sich gegen ihre Erniedrigung im Realityfernsehen wehren. So deckte unlängst eine Kandidatin der Sat 1-Kuppelshow "Schwer verliebt" auf, man habe sie, offensichtlich streng nach Drehbuch, zu entwürdigenden Aussagen und Handlungen gedrängt. Für 700 Euro verpflichteten sich die Kandidaten zu "absolutem Stillschweigen" über die Produktion und übertrügen "die beliebig häufige Verwertung" des Bildmaterials an die Filmfirma. Die Frau wurde danach weitgehend aus dem Format genommen, die Sittenwidrigkeit solcher "branchenüblichen" Knebelverträge breit diskutiert. Aber wer sich freiwillig in Casting-, Kuppel-, Realityshows begibt, unterwirft sich, so das Einvernehmen, eben einer fixen Dramaturgie, und die muss der Selbstwahrnehmung der Kandidaten nicht entsprechen. Das gilt auch für die medienerfahrenen Insassen der Dschungelshow: Das Leben des Schauspielers Rocco Stark dreht sich wohl nicht ausschließlich um seinen abwesenden Vater Uwe Ochsenknecht, und vermutlich hat auch Brigitte Nielsen noch andere Gesprächsthemen als die Hollywoodstars, mit denen sie einst das Lager teilte. Das aber interessiert RTL nicht; Realityfernsehen zeigt nicht die Wirklichkeit, es erzeugt sie. Bemerkenswert bei alldem: Die Sender, die so großzügig mit dem Intimleben ihrer Kandidaten umgehen, achten selbst enorm auf Diskretion. In den Dschungelshow-Verträgen etwa droht RTL mit fünfstelligen Konventionalstrafen: Die werden fällig, sobald die Kandidaten Informationen über das Camp ausplaudern. Man braucht schließlich Futter für die nächste Staffel.



















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