Jeder bebt für sich allein
Bei den Provinzkrimis setzte Kurt Palm neue Maßstäbe, nun wagt er sich auf ein reichlich breit getretenes Feld: das Genre der Horror- und Mystery-Romane. Subtil und gefinkelt.

Foto © privatKurt Palm: neues Buch "Die Besucher"
Vielseitigkeit, nicht selten auch die Freude an Verstörung ist sein Metier: Als Filmemacher trug er maßgeblich zum späten Ruhm von Flann O'Brien bei, postwendend holte er Adalbert Stifter unsanft, aber gebührend vom Sockel. Als Theatermacher ist er ein Garant für schräge Inszenierungen, mit seiner Phettberg-Show schrieb er TV-Geschichte, als profunder James-Joyce-Kenner spielt er in der obersten Liga mit. Als Grundregel gilt: Wo Kurt Palm hintritt, wäschst frisches Gras nach.
Mit "Bad Fucking", gewürdigt als Krimi des Jahres, schuf er den Prototyp der hinterfotzigen Provinzpossen mit mörderischem Hintergrund, nun zieht er mit seinem Roman "Die Besucher" den Strick erheblich enger.
Im Zentrum steht ein eher mittelmäßiger Journalist mittleren Alters mit ebenso mittelmäßigen beruflichen und ehelichen Ambitionen. Doch der tiefe Fall folgt rasch. Verursacht durch einen Hörsturz, der seinen Protagonisten zunehmend zum innerlichen Amokläufer werden lässt und ihm Albträume beschert.
Vollends ins Wanken gerät das ohnehin instabile Restrefugium an Realität, als das Tinnitus-Opfer einige Tage bei der im Sterben liegenden Mutter in der Provinz verbringt und alsbald von Horror-Gestalten heimgesucht wird. All das hatten wir schon, zweifellos. Aber Kurt Palm gelingt es mit viel Raffinesse, eine spannende, ausgeklügelte Balance zwischen konkretem organischen Rauschen und mystischem Hintergrundrauschen zu finden, frei nach der Devise: Jeder bebt und erlebt für sich allen.
Wer eine ohnehin nicht logische Erklärung erwartet, mag vielleicht etwas enttäuscht sein. Wer aber, dem zentralen Thema gemäß, doppelbödige Geschichten schätzt, die für inneren Nachhall sorgen, sollte seinem sechsten Sinn vertrauen: Unerhörtes erwartet ihn.












