Sind wir nicht alle ein bisschen Dschungel?
Wenn auch der "Stern" oder die "Welt" minutiös über das Treiben im konstruierten Dschungel berichten, muss etwas dahinter sein. Nur was, "Kopfgeficke" oder mehr? Die Auflösung dieser Frage bereitet einige Mühe. Eine kritische Betrachtung zu "Ich bin ein Star - holt mich hier raus!" vulgo "Dschungelcamp".

Foto © RTL / Stefan GregorowiusGar sonderbare Gestalten im Dschungel-Untergehölz
"Ort, an dem viele Opossums leben": Nichts anderes bedeutet Murwillumbah - Schauplatz für die RTL-Reality-Show "Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!" vulgo "Dschungelcamp" im äußersten Osten von Australien. Nicht nur Opossums! Auch "Prominente" der Güteklasse "C" bis "F" sind seit 2004 dort zugegen und lassen Tarzan wie einen antiken Denker aussehen. Doch was sich dort auch im geistigen Dickicht abspielt, zieht Zuseher in Millionenschaften an, darunter durchaus vernunftbegabte Menschen.
Tarzan als Denker
Wenn auch der "Stern" oder die "Welt" minutiös über das Treiben im aufgestellten Dschungel berichten, muss einfach etwas dahinter sein. Nur was? Die Auflösung dieser Frage bereitet zugegebenermaßen einige Mühe. "Kopfgeficke" - vielleicht brachte es der "Dschungel-Tarzan" Jay Khan mit dieser Wortspende in einem anderen Zusammenhang unbewusst ganz gut auf den Punkt. Im Dschungelcamp werden augenblickliche Befindlichkeiten zur großen Sache aufgeblasen, Sekunden entscheiden: Eifersüchteleien, Stutenbissigkeit, Missgunst und relativ schnell durchschaute Psychospielchen. Das alles gibt es im Winterschlussverkauf der Nichtigkeiten. Das alles kann - garniert vom zynisch-ironischen Moderatoren-Duo Sonja Zietlow (die Blondierte) und Dirk Bach (der Beleibte) - dem Zuschauer offenbar gehörigen Spaß machen. Blöd? Allemal! Doch schmal der Anspruch, fett die Quote. Sogar Carlo Thränhardt, Ex-Hochspringer und Teilnehmer der ersten Staffel Anfang 2004, attestierte der Sendung inzwischen "unsagbar dünnes Niveau".
Menschen, die einem kein Begriff waren und eigentlich auch nicht sein müssen (obwohl - dieser Mathieu Carrière hat dereinst in gefühlten 176 "Derrick"-Folgen mitgespielt), geben sich alle Mühe damit, sich selbst darzustellen. Per 28. Jänner 2011 waren es dann noch vier Insassen in der Frischluft-Haftanstalt. Das weitgehend hohle Treiben wird so zum Ereignis in der Television, das täglich Abermillionen bannt. Zusätzlich kann die Zwangsvertilgung von Geschmeiß und Gewürm noch immer die Massen ekeln. So wie man sich zu Hause jedes Mal wieder neu an einer garstigen Spinne an der Wohnzimmerwand schrecken kann und den Staubsauger sucht. Unter dem Motto: Wenn der Ekel über die Dialoge noch nicht genügt, marschiert die Mehlwurm-Armada an. Oder RTL heckt pfiffige Prüfungen für die Kandidaten aus, die täglich ums Überleben kämpfen müssen. Wenn schon nicht ums körperliche, dann immerhin ums mediale. Wird nicht vielleicht der Zuschauer noch mehr auf die Probe gestellt als die Camp-Teilnehmer?
Wer inszeniert was?
Den Geruch der permanenten Inszenierung seitens der Programm-Verantwortlichen wird die Sendung wohl nie los - dafür reiht sich einfach das eine Klischee zu oft an das andere. Ganz besonders publikumsträchtig wird es, wenn sich die Kandidaten selbst inszenieren, ihre verdreckten Ellbogen ausfahren, lästern, intrigieren, zicken, mauern, schwafeln und Freundschaften simulieren, bis sie vom erbarmungslosen RTL-Konsumenten "rausgevotet" werden. Ein feucht-klebriger Mikrokosmos, der am heimischen Flachbildschirm hervorragend funktioniert, die Quote ist der Richter. Für intime Geständnisse bieten sich Kuscheln im Arm des momentan aktuellen Dschungel-Kumpels (vorzugsweise hinter einem frappant künstlich aussehenden Ficus benjamina) und ein Rückzug ins "Dschungel-Telefon" an: Hier wird geschluchzt, gesempert und gelästert, fast wie im richtigen Leben.
Und die Liebe, sie wirft natürlich auch hier immer wieder ihre sonderbaren Triebe: Kandidatin Indira Weis (von Beruf "Sängerin", wie dem Autor eine liebe Kollegin glaubhaft versichern will) verschaute sich in Jay: Immerhin 14 Tage vermochte dies auch die Zuschauer leidlich zu unterhalten, dann war die Brünette schon wieder Camp-Geschichte. "Ich hab's euch ja gesagt - es kann immer passieren!" waren die "famous last words", die die Schöne da zum Abschied in die Runde warf. Falschheit und Aufrichtigkeit, Freud' und Leid, Inszenierung und Realität, sinnvolle Freizeitbeschäftigung und Reality-Shows im Fernsehen - vieles liegt halt oft so verdammt nahe beisammen im Leben.
Sind wir nicht manchmal alle ein bisschen Dschungel?
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Die Fakten
Elf Kandidaten hatten das "Camp" im Osten Australiens am 14. Jänner bezogen. Per 28. Jänner sind noch vier im TV-Lager. Täglich müssen einer oder mehrere zur sogenannten "Dschungelprüfung" antreten, wobei zusätzliche Essensrationen erspielt werden können. Zum Abschluss der Sendung wird am 29. Jänner der "Dschungelkönig" gewählt. Von dem ursprünglich aus Großbritannien stammenden Format wurden auf RTL bislang fünf Staffeln ausgestrahlt, inklusive der aktuellen.














