Im dichten Labyrinth der modernen Krebsmedizin
Die gute Nachricht: Es gibt neue Hoffnung bei Brust- und weißem Hautkrebs. Die schlechte: Wir wissen immer mehr und verstehen weniger.

Foto © Fotolia: Sebastian Kaulitzki
Im deutschen Sprachbereich wird eine derartige Struktur auch als Irrgarten bezeichnet. Hier ist ein Verirren möglich und meist Sinn der Anlage." So wird der Begriff Labyrinth auf Wikipedia erklärt - für Krebsforscher ist das gewissermaßen der tägliche Weg durch ihre Arbeit.
Beim größten Krebskongress Europas in Stockholm wird die Ambivalenz zwischen den Fortschritten im Kampf gegen Krebs und der Fassungslosigkeit über die Wissensexplosion durch die genetische Erforschung dieser Erkrankungen greifbar. Krebs erscheint wie ein perpetuum mobile, das uns in seiner Wandelbarkeit ständig überholt.
Wir kennen 20.000 menschliche Gene und 190.000 Mutationen davon. Über 400 menschliche Gene wurden bisher mit Krebs in Verbindung gebracht, diese Gene mutieren wiederum tausendfach, wenn wir erkranken. Jede Mutation kann Metastasen auslösen, und ein und dieselbe Krebsart besitzt verschiedene genetische Auslöser.
48 statt 8 Monate überleben
"Das Schicksal der Patienten ist meist durch Metastasen bestimmt. Aber diese Tochtergeschwülste unterscheiden sich genetisch vom Primärtumor", erklärte Krebsmediziner Gordon Mills. Das heißt: Therapien sind dann wirkungslos, wenn das Arzneimittel zwar gegen den Ersttumor wirkt, aber nicht gegen die Metastasen. Mills argumentiert für einen neuen Behandlungsansatz: "Wir werden in Zukunft unterschiedliche Krebstherapien von Gewebsprobe zu Gewebsprobe einsetzen."
Trotzdem gibt es große Fortschritte. "Viele Entdeckungen des letzten Jahrhunderts waren wichtige Puzzlesteine in der Entwicklung von zielgerichteten Therapien, die erst heute zur Verfügung stehen", analysiert Günther Steger, Krebsspezialist vom AKH Wien. "Bei einem bestimmten Brustkarzinom hat die zielgerichtete Therapie eine Lebensverlängerung von acht auf heute 48 Monate gebracht", so Steger. Aber neue Probleme tauchen auf, die Forscher jetzt zu lösen versuchen: Die Therapie wirkt nicht in allen Körperbereichen. Je länger die Überlebenszeit, desto größer das Risiko für Hirnmetastasen.
Neues Brustkrebsmittel
In Stockholm konnten Ärzte aber wieder ein paar neue Auswege (siehe Grafik oben) aus dem Labyrinth präsentieren. Viel beachtet wurde eine neue Methode in der Brustkrebsbehandlung, genannt T-DM1 und entwickelt von Roche: Ein Chemotherapeutikum, das in der herkömmlichen Medikamentendosis zu giftig wäre, wird in Molekularform am Antikörper Trastuzumab ("Herceptin") befestigt und so direkt zur Krebszelle gebracht. Die ersten Studien verliefen vielversprechend. Die Patientinnen profitieren in mehreren Bereichen: Das Tumorwachstum wird eingebremst, es gibt weniger Nebenwirkungen (z. B. viel weniger Betroffene mit Haarausfall) und bessere Prognosen. In weiteren Studien wird entscheiden, ob und wann T-DM1 zugelassen wird. Steger: "Eine weitere, wichtige Tür könnte damit für Behandlung offen stehen."


















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