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Zuletzt aktualisiert: 28.01.2012 um 21:51 UhrKommentare

Der große Favorit im Oscar-Rennen

Martin Scorseses erster 3-D-Film kommt am 10. Februar in unsere Kinos. Mit elf Nominierungen ist "Hugo Cabret" der ganz große Favorit bei der Oscar-Verleihung am 26. Februar. Der Star-Regisseur im Interview.

"Ich hatte bisher das Glück, dass die Leute immer noch meine Filme sehen wollen": Martin Scorsese

Foto © Warner"Ich hatte bisher das Glück, dass die Leute immer noch meine Filme sehen wollen": Martin Scorsese

Eigentlich muss sich Martin Scorsese nichts mehr beweisen. Der Meisterregisseur setzte schon mit "Taxi Driver", "Wie ein wilder Stier" oder "Good Fellas" Meilensteine der Filmgeschichte. Jetzt ließ sich der 69-Jährige, dem momentanen Kinotrend folgend, auf sein erstes 3-D-Projekt ein. In "Hugo Cabret" nutzt er die Technik, um einem Pionier der ersten Kinostunden zu huldigen: Georges Méliès, der 1896 erste Filme auf Pariser Jahrmärkten präsentierte.

Wollen Sie mit "Hugo Cabret" Ihre Liebe für die Anfänge der Filmgeschichte zum Ausdruck bringen?

MARTIN SCORSESE: In erster Linie ist es ein Film über Menschen und über die Zeit. Auf der einen Seite steht der Knabe Hugo Cabret, auf der anderen der gealterte Georges Méliès, der verbittert ist und der Vergangenheit nachtrauert. Erst durch den Waisenjungen findet er zu sich zurück und kann sein Herz und damit auch seine Augen wieder öffnen.

Warum war Georges Méliès so verbittert?

SCORSESE: Er steckte viel Leidenschaft und Energie in seine Arbeit und erlebte äußerst kreative Schaffensphasen. Dann ging alles schief, sein Werk brach zusammen und er war pleite. Deshalb wollte er damit abschließen und vernichtete alles. Was anderes kann man wohl nicht tun, wenn man einst so kraftvoll und passioniert war. Nur seine Frau bedeutete ihm noch etwas. Erst wenige Jahre vor seinem Tod 1938 wurde der Pionier der Filmgeschichte wiederentdeckt und bekam die Ehre, die ihm gebührte.

Hugo ist ein zwölfähriger Junge, der filmverrückt ist und sich sogar Gratiszutritt ins Kino verschafft. Waren Sie genauso?

SCORSESE: Dort, wo ich lebte, wäre es unmöglich gewesen, sich ins Kino zu schmuggeln. Wärst du von einem Aufpasser erwischt worden, hätte es keine Gnade gegeben. Nein, ich bin hauptsächlich mit meinem Vater, meinem Bruder und ab und zu mit meiner Mutter ins Kino gegangen. Später bin ich dann vermehrt mit meinen Freunden ins Kino gegangen, die alle in einem verwahrlosten Zustand waren. Wir sahen die schlechtesten Filmkopien, aber dafür kostete der Eintritt auch nur 15 Cent. Ansonsten entdeckte ich mich in Hugo nur insofern wieder, als ich mich als Junge ebenso isoliert fühlte wie er.

Warum?

SCORSESE: Mit drei Jahren wurde bei mir Asthma festgestellt, das bestimmte fortan mein Leben. Es ging immer darum, was man kann und was man nicht kann, wenn man diese Krankheit hat. Um 1945 ging es in den New Yorker Straßen von Queens nicht immer gemütlich zu, trotzdem konnte ich mich behaupten und viele von den großen Kindern nahmen mich auch in Schutz. Und dann war da noch die katholische Kirche, die für mich ein wichtiger Ort war, um einmal von der Straße und von zu Hause wegzukommen, wo sich Leute permanent stritten oder schlugen.

Fühlen Sie sich dem Filmzauberer Georges Méliès oder dem kleinen Hugo Cabret näher?

SCORSESE: Ich denke, ich kann mich mit beiden identifizieren. Wobei ich hoffe, nie in so eine traurige Phase wie Georges Méliès zu geraten. Inzwischen bin ich aber schon älter als er zu dem Zeitpunkt, als er alles aufgeben musste und einen Spielzeugladen eröffnete.

Und wenn der Erfolg bei Ihnen doch einmal ausbliebe?

SCORSESE: Wenn man einen Film wie "Hugo Cabret" dreht, denkt man automatisch darüber nach, ohne aber eine richtige Antwort finden zu können. Ich hatte bisher das große Glück, dass die Leute immer noch meine Filme sehen wollen und darüber sprechen. Letztendlich kann niemand wissen, ob und wie erfolgreich ein neues Kunstwerk von den Leuten angenommen wird.

Muss man deshalb auf neue Attraktionen wie 3-D zurückgreifen, um das Risiko zu minimieren?

SCORSESE: Inzwischen hat auch eine gewisse Kritik an 3-D eingesetzt, aber als ich mich vor mehr als einem Jahr dazu entschied, herrschte noch helle Aufregung. Vielleicht mein Glück, denn mir lag viel daran, einen Film zu machen, den sich auch meine zwölfjährige Tochter ansehen kann. Insofern sehe ich "Hugo Cabret" als einen Familienfilm, und das ist ebenfalls ein Gebiet, mit dem man mich wahrscheinlich nicht sofort assoziieren würde. Ursprünglich dachte ich ja an einen Film für Kinder, aber es hat sich anders entwickelt. Ich weiß auch nicht, ob ich wirklich gut darin wäre, einen Kinderfilm zu drehen. Für mich ist es ein Film, den sich jeder ansehen kann, und selbst Erwachsene können sich hier in die Welt eines Zwölfjährigen zurückversetzen lassen.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Kindern?

SCORSESE: Schon als wir uns das erste Mal begegneten, fühlte ich, dass ich gut mit ihnen und sie gut mit mir auskommen würden. Mir kam das nicht anders vor, als mit meiner Tochter und deren Freunden zusammen zu sein. Es war wie miteinander spielen, nur dass man bei so einem aufwendigen Film natürlich unter anderem Druck steht. Sie standen mir täglich vier Stunden zur Verfügung, und durch den Umstand, dass wir in 3-D drehten, kam es zu Verzögerungen. Wenn dann eine Szene eingerichtet war, hieß es vom Betreuer der Kinder, dass jetzt eine Pause angesagt sei. Da musste dann einfach gewartet werden.

INTERVIEW: MARKUS TSCHIEDERT

Zum Film

HUGO CABRET

Ein zwölfjähriger Waisenjunge (Asa Butterfield) lebt mit seinem Vater, einem Uhrmacher, im Paris der 1930er-Jahre. Durch ihn lernt er die Filme von Georges Méliès kennen und lieben. Für seinen Lebensunterhalt sorgt Hugo Cabret mit kleinen Diebstählen. Mit der kleinen Isabelle (Chloë Grace Moretz) verbindet ihn ein mysteriöses Spielzeug. Gemeinsam gehen sie der Sache auf den Grund. Martin Scorsese setzt für seine Literaturverfilmung erstmals auf 3-D.

Als Vorlage für den Film, der einen Golden Globe für die beste Regie erhielt und nun für elf Oscars nominiert ist, dient der Roman "Die Entdeckung des Hugo Cabret" von Brian Selznick. Das Drehbuch stammt von John Logan, mit dem Scorsese bereits bei "Aviator" zusammenarbeitete.

Foto

Foto © Warner

Bild vergrößernAsa Butterfield spielt in Martin Scorseses neuem Film den 12-jährigen Pariser Halbwaisen Hugo Cabret Foto © Warner

Zur Person

Martin Scorsese, geboren am 17. November 1942 in New York.

1976: Goldene Palme in Cannes für "Taxi Driver".

1990: Silberner Löwe in Venedig als bester Regisseur für "Good Fellas".

2003: Golden Globe für "Gangs of New York" (beste Regie).

2007: Oscar für "Departed - Unter Feinden" (beste Regie).

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