"Atmen" von Karl Markovics
Die leichtfüßige und morbide Geschichte ist zwischen Jugendgefängnis und Bestattung angesiedelt. Kameramann Martin Gschlacht liefert dazu berauschende Bilder.

Foto © Thimfilm
Zwischen der Sonderstrafanstalt für Jugendliche in Wiener Neustadt und der Bestattung Wien hat Karl Markovics den größten Teil seines Regiedebüts angesiedelt. Aber was mit dieser Locationwahl nach tristem Depri-Kino auf österreichische Art klingt, bewegt sich überraschend leichtfüßig und mit morbidem Witz gewürzt durch die winterliche Hauptstadt. Die umwerfenden Einstellungen von Kameramann Martin Gschlacht tun ihr Übriges, um die Identitätssuche des 19-jährigen Roman Kogler zu einem sehenswerten Filmerlebnis zu machen.
Markovics hat mit dem jungen Thomas Schubert eine glückliche Hand beim Hauptdarsteller bewiesen. Schubert hat ein ausdrucksstarkes Gesicht, dem man trotz seiner wenigen Worte gerne zusieht, wie es Spur für Spur weicher wird und Roman neugieriger auf das Leben außerhalb der Gefängnismauern werden lässt. Die Probezeit bei der Bestattung erweist sich, trotz der Skepsis des eher semi-sympathischen Bewährungshelfers, für den jungen Mann als gute Wahl. Die Arbeit führt ihn - über den Zufall einer Leiche mit dem gleichen Nachnamen - zum ersten Schritt, die eigene Herkunft aktiv zu erkunden. Und sie bringt ihm Rudi (Georg Friedrich), den anfangs feindseligen Kollegen, als väterlichen Freund und Mentor in sein Leben.
Berührende Szenen
Georg Friedrich hat indes auch eine der eindrucksvollsten Szenen im Film, wenn er eine gerade gestorbene alte Frau wäscht und anzieht und dabei zärtlicher und fürsorglicher zu Werke geht, als er es vielleicht je zuvor vor der Kamera sein durfte. Von diesen Szenen, die einem länger im Gedächtnis bleiben, hat "Atmen" aber ohnedies einige: etwa die immer wiederkehrenden Unterwasserbilder, wenn Roman im Pool untertaucht, während die Mitgefangenen am Beckenrand ihre Füße ins Wasser baumeln lassen, oder die Szenen am Südbahnhof, wenn die gelb gekachelte Wand mit dem Urlaubsplakat den idealen Kontrast zur emotionalen Situation der davor sitzenden Personen liefert.
Markovics macht als Regisseur und Drehbuchautor keine Umschweife, erzählt geradlinig und schnörkellos, verlässt sich auf die Geschichte und seine Schauspieler (darunter Klaus Rott mit einigen schönen One-Linern). Der jazzig angehauchte Soundtrack lässt trotz der düsteren Umgebung ebenso keine wirkliche Tristesse aufkommen wie der schwarze Schmäh, der in angenehmen Portionen serviert wird. "Die richtige Leich im richtigen Sorg, zur richtigen Zeit am richtigen Ort", wird da etwa gereimt - und man kann sich vorstellen, dass dieser Humor dem gezeigten Milieu durchaus gerecht wird. Ob das realistische Lokalkolorit, auf den der Regisseur setzt, auch außerhalb Österreichs ankommt, wird sich weisen. Einen Weltvertrieb hat "Atmen" jedenfalls schon.
Wenn man dieser Tage mit Karl Markovics spricht, hat man ja das Gefühl, dass der Filmtitel nicht nur der Sehnsucht seiner Hauptfigur entspricht, der so oft die Luft wegbleibt und die immer wieder Tipps zum richtigen Atmen erhält, sondern auch ein bisschen seinem eigenen Seelenzustand. Die erste Regiearbeit wirkt für eines der bekanntesten Schauspielergesichter Österreichs wie eine Befreiung, das allgemeine positive Feedback macht ganz offensichtlich Mut für weitere Pläne hinter der Kamera.
(S E R V I C E - )














