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Zuletzt aktualisiert: 22.01.2012 um 20:08 UhrKommentare

Aufstand der Patienten

In einer Psychiatrie siedelt Johannes Erath seine Inszenierung der "Elektra" von Richard Strauss in der Grazer Oper an. Sie endet mit einem Blutbad und der Ermordung Sigmund Freuds.

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Das laute Pochen eines Herzschlags enerviert und raubt dem Agamemnon-Ruf des Orchesters einen Großteil seiner Wirkung. Wenn der herrische d-Moll-Auftakt endlich erklingt, weiß der Zuschauer zur Genüge, dass er nicht das antike Mykene, sondern eine moderne Psychiatrie vor sich hat, in der ein Wärter Beruhigungsspritzen oder Streicheleinheiten verteilt.

Angesichts der von Obsessionen beherrschten Protagonisten der "Elektra" liegt es auf der Hand, die 1909 in Dresden uraufgeführte "Elektra" von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal mit der kurz davor von Sigmund Freud entwickelten Psychoanalyse in Verbindung zu bringen. Regisseur Johannes Erath beschreitet damit keinen neuen Weg. In seiner Inszenierung für die Grazer Oper geht er aber zwei Schritte weiter. Einerseits siedelt er das antike Rachedrama in einer modernen, von hässlichen Plastikvorhängen begrenzten Psychiatrie an (Bühnenbild: Katrin Connan). Andererseits dreht er die Schraube weiter und schenkt er Klytämnestras Hoffnung Glauben, dass ihr Sohn tot sei. Orest tritt, um sein Erscheinen als Wunschdenken Elektras auszuweisen, deshalb meist im Zuschauerraum auf und begibt sich nur kurz auf die Bühne. Weil auf dieser aber Ägisth sterben muss, trägt Klytämnestras Liebhaber die Maske von Sigmund Freud und fällt in einem fürchterlichen Blutbad einem kollektiven Aufstand seiner Patienten zum Opfer.

Diese Variante lässt sich, obwohl die Zusammenlegung etlicher Figuren irritiert, auf weite Strecken durchaus argumentieren und verdient dank der ausgefeilten Personenführung Eraths, der alle Protagonisten als Gefangene ihrer Neurosen zeigt und selbst einer Nebenrolle wie dem von Taylan Reinhard beklemmend intensiv verkörperten jungen Diener prägnantes Profil gibt, Interesse. Gleichzeitig aber beraubt Erath mit diesem Ansatz alle Figuren ihrer Größe.

Elfenmusik

"Dirigiere 'Salome' und 'Elektra' wie Mendelssohn: Elfenmusik!", empfahl Richard Strauss in seinen "zehn goldenen Regeln" seinem Pultkollegen Hans Knappertsbusch. Obwohl dieser Ratschlag angesichts des größten Opernorchesters, das Strauss je verlangt hat (je nach Bläserbesetzung 111 bis 115 Musiker), paradox klingt, nimmt ihn Johannes Fritzsch als Leitlinie. Mit den Grazer Philharmonikern liefert er eine maßvolle Lesart der von ihm mit großer Sorgfalt verwalteten Partitur. Er erzielt einen schlanken, meist gut durchhörbaren Klang und kommt mit einer sehr behutsamen Staffelung der Dynamik, die nur selten zu wuchtiger Klanggewalt anwächst, den Sängern weit entgegen. Seine ohne Aufgeregtheit mit gemäßigten Tempi kühl disponierte Lesart hat nur einen gravierenden Nachteil: Kaum je wirkt die Musik von Strauss als vertonte Hysterie und zur Ekstase vermag sich der musikalische Horrortrip nicht zu steigern.

Stephanie Friede verströmt bei ihrem fulminanten Rollendebüt als Titelheldin einen glühenden Lavastrom der Leidenschaft, imponiert mit einem vokalen Stahlpanzer, findet aber auch zu zarten Tönen der Sehnsucht und Verzweiflung und verdeutlicht, dass rund die Hälfte ihrer Partie aus lyrischen Passagen besteht.

Gal James gerät mit ihrem fraulich-reif timbrierten Sopran als Chrysothemis bisweilen an ihre stimmlichen Grenzen, ohne sie je zu überschreiten. Iris Vermillion gelingt mit ihrem modulationsfähigen Mezzosopran ein facettenreiches Porträt der Klytämnestra fern des gängigen Klischees grellen Gekeifs. Mit dem Orest, den er markig, kraftvoll und nobel singt, hat James Rutherford eine weitere Paradepartie erobert.

ERNST NAREDI-RAINER

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