Gefangen im Netz: Obamas Jugend-Problem
Barack Obama lädt im Internet zur Diskussion und beantwortet heute Fragen auf Google Plus. Mit der Web-Community gelang ihm der Sprung ins Weiße Haus, nun soll sie die Wiederwahl sichern. Doch vor vier Jahren waren Obama und Facebook cool – und heute?
Von Sebastian Krause.

Foto © Rolling Stone | Peter YangObama im US-Magazin "Rolling Stone" 2008: Der Elan des Visionärs ist verflogen
Ein bisschen dachten sie, würden sie künftig mitregieren dürfen, die jungen Menschen, die Barack Obama im letzten Wahlkampf ganz nah zu sich holte. Per Facebook-Chat ins Weiße Haus, so kommunizierte der coole, junge Präsidentschaftskandidat 2008. Er schien verstanden zu haben, wie die Internet-Generation funktioniert, feuerte im Social Web aus allen Rohren, twitterte vor Auftritten, stellte Reden auf YouTube, diskutierte per Facebook. Vor allem aber: Er sammelte Spenden. Kleine Beträge nur, die ihm ins Netz gingen, "Microfunding" genannt, die Spenden der User daheim vor dem Monitor. Zusammengerechnet ergaben sie jedoch den größeren Teil seines Budgets. Die Alten, die mussten Obama im TV ansehen, so wie es Jahrzehnte lang gewesen ist, doch die Jungen, die sahen ihren Kandidaten online, andauernd, allgegenwärtig. Sie spürten den Unterschied, Kandidat Obama, das ist einer von ihnen. Das war vor vier Jahren. Heute ist keiner so enttäuscht von Präsident Obama wie die Jungen.
Bei den Kongress-Wahlen 2010 blieben sie lieber daheim. Die 18 bis 24-Jährigen, zwei Jahre zuvor Obamas Ass im Ärmel, waren die Wählergruppe, die verhältnismäßig die wenigsten Stimmen abgab. Die Demokraten fuhren eine schmerzhafte Niederlage ein. Was ist passiert, im "Obama-Net"?
Obama 2.0, reloaded
Anfang 2012 herrscht wieder Wahlkampf in den USA – und im Internet. Obama braucht die Gunst der Jungen, will er wieder gewählt werden. Schon letztes Jahr begann er vorsichtig und von den schwerfälligen Medien weitgehend unbemerkt, seinen zweiten Großangriff im Social Web: Ein Video-Chat im April auf Facebook läutete die nächste Phase ein. Wahlkampf-Chef David Axelrod schwebt sogar ein eigenes Social Net Obamas vor, in dem sich Wahlkampf-Helfer untereinander vernetzen sollen. Sie werden sich etwas einfallen lassen müssen, denn seit 2008 ist klar: Keiner der republikanischen Kandidaten wird das Web noch einmal der Konkurrenz überlassen.
Ab Mitternacht
Am Montag beantwortet Obama deshalb vorab gestellte Fragen aus dem Netz bei Google Plus. Das ist vielleicht der größte Unterschied zum Wahlkampf 2008: Damals nutzte Obama die Plattformen wie jeder andere, postete auf Facebook und YouTube und stand auf einer empfundenen Augenhöhe mit dem Nutzer. Heute ist er längst kein gewöhnlicher User mehr, heute bieten ihm die Konzerne Sonderlösungen an, promoten seinen Auftritt quer durch das Netz und nutzen Obama als Werbefläche. Im Endeffekt spricht Obama Antworten in eine Kamera – war das nicht auch schon im TV so, jahrzehntelang? Für Obamas Wahlkampf-Team dürften die kommenden Monate ein Spagat werden zwischen Glaubwürdigkeit und PR-Maschine.
Marihuana und politisches Gewäsch
Cool zu wirken, es scheint Obama heute schwerer zu fallen. Der Elan seiner letzten Kampagne ist verflogen, er hat die wohl schwersten vier Jahre hinter sich, die ein US-Präsident haben kann. Auch der Pioniergeist von YouTube und Facebook verblasst langsam, letzteres steht wegen immer wiederkehrenden Datenschutz-Querelen bei der Netz-Gemeinde nicht mehr gut da. Für Obama ist das Netz nicht länger schwarz und weiß, gut und böse, sondern eine Grauzone der politischen Rhetorik. Die Internet-Community hadert etwa mit dem umstrittenen Urheberrechtes-Gesetz "Sopa", das Obama in abgeschwächter Form unterstützen dürfte. Die meistgestellte Frage der User im Facebook-Chat und bei Google Plus wurde schon im Vorfeld aus dem Programm genommen: Ist der Präsident für die in den USA derzeit diskutierte Legalisierung von Marihuana?
2008 hätte Obama vielleicht noch charismatisch gelächelt und geantwortet, dass er in der Jugend selbst gekifft habe, wie er es damals in einer Talk-Show tat. Heute ist der Visionär oft gefangen im politischen Gewäsch, er ist vorsichtiger geworden und gebremst. Ob die Jungen der Generation Facebook ihm noch einmal abnehmen, einer von Ihnen zu sein, könnte den Wahlkampf entscheiden. Die gelegentlich zu Naivität neigende Internet-Gemeinde wird Obama ganz genau beobachten und sie muss lernen, dass Politik kein selbstherrliches Profil bei Google ist. Seinen Töchtern, gab Obama unlängst zu, verbietet er, sich auf Facebook anzumelden. Es gebe Dinge, sagte er, die gingen die Welt nichts an.
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