"Die Zukunft kommt schneller, als wir denken"
Eine intelligente Sauna und die Wende im Automobilbereich: Der deutsche Trendforscher Lars Thomsen erläutert, warum bei Energie und Mobilität in den nächsten Jahren kein Stein auf dem anderen bleibt.

Foto © KLZ/FuchsBlick in die Zukunft: "Die Intelligenz der neuen Geräte wird uns das Leben erleichtern", sagt Lars Thomsen
Das Jahr 2020 gilt als energiepolitische Zielmarke schlechthin. Wie wird sich unser Energiesystem bis dahin verändern?
LARS THOMSEN: Es wird auf jeden Fall um einiges intelligenter. Es gibt ja schon intelligente Geräte wie Smartphones oder Smart Meter. Was wir erst langsam zu begreifen anfangen, ist, dass sich das gesamte Energienetz und das Informationsnetz an immer mehr Stellen überlagern. Bislang waren Telekom- und Stromnetz ja stark voneinander getrennt. Das ändert sich, und daraus entsteht ein neues, smartes Energienetz, das eine ganze Reihe von neuen Geschäftsmodellen, Geräten und Möglichkeiten mit sich bringt.
Wie wird sich das auf unser Leben auswirken?
THOMSEN: Wir haben heute iPads und andere kleine Geräte auf dem Tisch liegen, die wir uns noch vor ein paar Jahren gar nicht vorstellen konnten. Im Moment surfen wir damit ein bisschen im Internet, aber nicht viel mehr. Ab Mitte des Jahrzehnts werden wir mit diesen mobilen Interaktionseinheiten auch Energie und haushaltsnahe Leistungen steuern. Also etwa die Heizung regulieren, das Licht ein- und ausschalten, den Ladestand in den Elektroautos prüfen. Der Energieversorger wird nicht nur einmal im Jahr eine Rechnung schicken, sondern wird wesentlich stärker mit dem Kunden interagieren.
Und in die Häuser halten intelligente Elektrogeräte Einzug?
THOMSEN: Ja, und das ist auch gut so. Im Moment haben wir ja fast nur dumme Geräte. Ich habe zum Beispiel zu Hause eine Sauna, die so eingestellt ist, dass sie sich immer freitagabends um 20 Uhr aufheizt, weil ich sie um diese Zeit gerne benutze . . .
. . . was ja klug ist.
THOMSEN: Schon, aber das macht die immer, auch wenn ich irgendwo im Stau stehe oder mein Flugzeug Verspätung hat. Das kostet jede Menge Energie. Eine intelligente Sauna fragt künftig bei meinem iPhone nach: Wo ist denn der Thomsen eigentlich? Und das iPhone sagt der Sauna: Der ist gar nicht in Zürich, der ist in Graz. Dann erkennen die Geräte, dass dieser Weg in der kurzen Zeit nicht zu schaffen ist, und die Sauna schickt mir eine Nachricht, ob ich noch komme. Falls nicht, bleibt sie kalt. Das ist nur ein Beispiel. Das geht bis zum Auto, das einen in die Lage versetzt, Staus zu umfahren. Die Geräte werden durch intelligente Netze fähig sein, mitzudenken.
Macht das alles das Leben nicht eher komplizierter als einfacher?
THOMSEN: Schon in den vergangenen Jahren haben wir gesehen, dass die Technologie, die jetzt in unser Leben kommt, einfacher und intuitiver zu bedienen ist. Einer der Erfolge des iPhones ist, dass das Telefon viel mehr kann als ein herkömmliches, aber trotzdem nur einen einzigen Knopf hat. Es benötigt nicht einmal eine Bedienungsanleitung. Die neue Intelligenz der Geräte muss uns helfen, einfacher mit ihnen umgehen zu können. Sie wird uns das Leben erleichtern.
Kluge Geräte sollen menschliche Dummheit kompensieren?
THOMSEN: (lacht) Ja, wenn man das so sehen möchte. Stellen Sie sich vor, Sie starten ins Wochenende, und unterwegs fällt Ihnen ein: Ach, ich hätte die Heizung runterregeln sollen. Dann könnten Sie das über Ihr Handy nachholen. Wirklich interessant wird es aber erst, wenn das Haus selbst merkt, Sie sind weg, den Wetterbericht prüft und aufgrund dieser Daten die Heizung abschaltet. Dazu kommt, dass wir mehr mobile Geräte haben werden, die uns im Haushalt behilflich sind. Klingt utopisch, aber diese Technik ist nicht mehr weit weg, das ist keine Frage von Jahrzehnten.
In Ihren Vorträgen sprechen Sie von Wendepunkten, die sich leise ankündigen, dann aber die Technik radikal ändern. Was kommt diesbezüglich auf uns zu?
THOMSEN: Eine ganze Menge. Ein solcher "Tipping Point" ist schon bald bei der Elektromobilität zu erwarten. Die Akkupreise fallen pro Jahr um etwa neun Prozent. Das bedeutet, in acht Jahren kostet ein Akku mit derselben Kapazität nur noch die Hälfte. Nun gibt es einen Punkt, ab dem ein Akku, der ein Auto 200 Kilometer weit bewegen kann, nur noch 8000 Euro kostet. Wenn das eintritt, ist ein Elektrofahrzeug nicht mehr teurer als ein konventionell angetriebenes. Dann kippt der Markt, die Nachfrage steigt sprunghaft und die Elektroautos werden rasch noch günstiger und besser. Wir erwarten diesen Punkt ungefähr für das Jahr 2016.
Die Autoindustrie prognostiziert keine so rasche Entwicklung.
THOMSEN: Hundertprozentige Gewissheit gibt es für das Jahr 2016 natürlich nicht. Aber die Anzeichen sprechen dafür.
Anzeichen welcher Art?
THOMSEN: Eine Vielzahl. Da gibt es etwa politischen Antrieb. Die ersten großen Städte in Asien, aber auch in Europa fangen an, darüber nachzudenken, ihre Stadtkerne für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren zu sperren. Das hat Einfluss auf die Entwickler bei den Autofirmen. Rolls-Royce hat zum Beispiel beim Genfer Autosalon sein erstes Elektroauto vorgestellt. Sie haben Angst davor, dass die Rolls-Royce-Besitzer irgendwann nicht mehr zur Royal Albert Hall in London vorfahren dürfen. Außerdem kommen neue Spieler in den Automarkt, etwa aus China. Die wissen, dass man das Land nicht mit Verbrennungsmotoren motorisieren kann. Mobilität ist ein globaler Markt und der kommt einfach, genauso wie einst das Internet gekommen ist.
Wer wird sich in diesem Markt durchsetzen?
THOMSEN: Diejenigen, die in der Lage sind, interdisziplinär etwas aufzubauen. Ein Autohersteller wird sich nicht durchsetzen können ohne eine starke Kooperation mit einem Energiekonzern. Die Autobauer werden nicht mehr autonome Geräte herstellen. Ein Elektromobil braucht das intelligente Netz, und das erfordert neues Denken über die Unternehmensgrenzen hinaus.
Das Auto gibt's künftig im Paket, etwa zusammen mit der nötigen Stromversorgung?
THOMSEN: Das ist durchaus möglich. So ein System haben wir ja längst bei den Handys. Das heißt aber nicht, dass das jeder so machen wird. Es ist zum Beispiel zu beobachten, dass die Generation, die jetzt heranwächst, eine andere Einstellung zu Besitz hat. Diese "Digital Natives" sagen etwa: Ich brauche doch keine Bibliothek zu besitzen, es gibt ja Wikipedia. Das lässt sich auch auf die Mobilität übertragen. Diese Leute wollen kein Auto besitzen, sondern eines in Anspruch nehmen, wenn sie es brauchen. Da tut sich ein Geschäftsfeld auf, wo Mobilität über einen gewissen Zeitraum zur Verfügung gestellt wird und der Kunde eine Gebühr bezahlt.
Welche Wendepunkte stehen in nächster Zeit sonst noch an?
THOMSEN: Interessant wird der Punkt, ab dem erneuerbare Energie nicht mehr teurer ist als die konventionelle. Wenn man sich die Preisentwicklungen ansieht, ist es realistisch, dass das noch in diesem Jahrzehnt so kommt. Ab dann ist es gar nicht mehr sinnvoll, überhaupt noch ein Großkraftwerk zu bauen.
Wird die Energie teurer?
THOMSEN: Das kommt darauf an, wie man es sieht. Wenn es rein um den Preis einer Kilowattstunde geht: Der wird wohl steigen. Aber die eigentliche Frage ist ja, was ich mit dieser Kilowattstunde anfangen kann. Ein Liter Benzin hat zum Beispiel zehn Kilowattstunden Heizwert. In Ihrem Tank nutzen Sie dann aber nur drei davon. Denn 70 Prozent verpuffen als Wärme. Mit Intelligenz kann man da eine ganze Menge verbessern.
Sie drücken in Ihren Analysen Zeiträume lieber in Wochen als in Jahren aus. Warum?
THOMSEN: Weil wir Menschen ein falsches Verhältnis zur Zeit haben. Man hat das Gefühl, dass das Jahr 2020 unendlich weit weg ist. Zu weit, um darüber nachzudenken. Wenn man aber sagt, eine Entwicklung kommt in 450 Wochen, fühlt sich das anders an. Denn eines ist klar: Die Zukunft kommt schneller, als wir denken.
Features
Zur Person
Lars Thomsen, geboren 1968 in Hamburg, ist einer der gefragtesten Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Er ist Gründer und Leiter der "future matters ag", einer Beratungs- und Trendforschungsagentur mit Sitz in Zürich, und Mitglied der World Future Society in Washington D. C.
Der Informationswissenschaftler und Experte für Wirtschafts-, Technologie- und Energietrends lebt mit seiner Familie in der Schweiz. Er hält Vorträge in ganz Europa und gastierte zuletzt in Graz bei der E-Cademy der Energie Steiermark und der steirischen Universitäten.
















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